Freude, Stolz oder Zufriedenheit fühlen wir alle gerne — Angst, Wut oder Hilflosigkeit dagegen weniger. Sogenannte negative Emotionen sind unangenehm und belastend, deshalb möchten wir sie so schnell wie möglich wieder loswerden. Leider ist es jedoch keine gute Idee, diese zu unterdrücken, da sie uns in der Regel auf nicht befriedigte Bedürfnisse oder Mangelzustände hinweisen: Wenn ich Angst habe, brauche ich vielleicht mehr Sicherheit. Wut kann anzeigen, dass jemand meine Grenzen überschreitet. Darum nennen wir diese Emotionen in der Therapie auch nicht negativ, sondern unangenehm. Denn sie haben oft die Funktion einer Handlungsaufforderung: Wir sollen etwas ändern, eine ungelöste Aufgabe anpacken, für uns einstehen.
Unangenehme Emotionen zu unterdrücken, ist daher genauso sinnvoll, wie nicht auf das Warnlämpchen im Auto zu achten, das auf den geringen Ölstand hinweist. Dadurch wird das Problem nicht behoben. Im Gegenteil – irgendwann ist der Motor kaputt. Weil diese Emotionen aber schmerzhaft sind und wir zunächst keinen Lösungsweg sehen, tun wir aber oft genau das: Wir unterdrücken sie – sei es durch Verdrängung, Alkohol und Drogen, Medienkonsum oder exzessives Arbeiten. Je länger wir es versuchen, desto schwieriger wird aber das Unterdrücken. Es ist, als ob man einen Ball unter Wasser drücken möchte. Je mehr Kraft man darauf verwendet, umso größer wird das Risiko, dass er irgendwann hochgeschossen kommt und mir ins Gesicht fliegt.
Anders als beim Auto zeigen unsere emotionalen Warnlämpchen nicht immer nur aktuelle Probleme an. Manchmal triggert uns etwas Aktuelles, weil es emotional geprägte Erinnerungen auslöst. Das kann zum Beispiel eine Hundephobie sein, weil ich vor vielen Jahren mal von einem Hund gebissen wurde. Auch bestimmte Worte oder Verhaltensweisen können mich wütend machen, weil sie mich an Zurücksetzungen in der Kindheit erinnern.
Aber auch diese „maladaptiven“, nicht auf aktuelle Probleme hinweisenden, nicht situationsadäquaten Emotionen sollten nicht einfach unterdrückt werden. Denn auch sie enthalten eine Handlungsaufforderung: nämlich die, sich mit den Kränkungen der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit sie unsere Gegenwart nicht weiter vergiften. Weil unser Leben nie perfekt läuft, gehören negative Emotionen im Alltag dazu. Unsere Aufgabe ist es, sie zu fühlen, herauszufinden, worauf sie uns hinweisen wollen, und entsprechend zu handeln.
Ihre Kim Schlangenotto
Klinik Königshof
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